"Wer krumm sitzt, der wächst auch krumm"
Die juvenile Kyphose, also der Morbus Scheuermann, ist eine der bekanntesten orthopädischen Krankheiten und eine der häufigsten Wirbelsäulen-Erkrankungen. Dennoch ist vieles beim Morbus Scheuermann noch unklar.
Worüber allerdings Klarheit besteht, ist, daß die Patienten in der Regel nicht nur Sport treiben dürfen, sondern sogar sollen.
Die Prävalenz der juvenilen Kyphose wurde früher als sehr hoch eingeschätzt. Nach neuen Daten betrage sie maximal acht Prozent, sagte der Kieler Wirbelsäulenchirurg Prof. Dr. Christoph Hopf beim Deutschen Orthopädenkongreß.
Aber auch das, so Hopf in Wiesbaden, sei noch recht viel.
Wichtiger Bestandteil der Diagnose sind Röntgenaufnahmen. Nötig sind - zur Diagnose und zur Verlaufsbeobachtung - standard-isierte, reproduzierbare Aufnahmen der gesamten Wirbelsäule, wobei der Patient bei der Röntgenuntersuchung stehen muß.
Eine a.p.-Aufnahme der Brustwirbelsäule allein reicht nicht. Charakteristische radiologische Befunde sind unregelmäßig konturierte Wirbelkörper-Grund- und Deckplatten, eine mindestens fünfprozentige Keilform der Wirbelkörper, eine dadurch entstehende Kyphose und verschmälerte Intervertebralräume.
Wann eine Operation indiziert ist
Zur Therapie gehört zum einen die Krankengymnastik (KG). Ziele sind, daß die Patienten eine physiologische Haltung entwickeln und daß die Wirbelsäule wieder normal beweglich wird. Ob KG etwas bringt, ist nach Aussage von Hopf jedoch noch nicht ausreichend gesichert. Zur Therapie gehören zum anderen Rumpf-Orthesen.
Die Indikation zur Behandlung mit einer Orthese werde in der Regel ab einem Kyphose-Winkel von 50 Grad gestellt, sagte Hopf. Allerdings wisse man auch über diese Behandlung noch zu wenig. Die Ergebnisse zu dieser Therapie seien ebenso wie die zur krankengymnastischen Behandlung noch nicht ausreichend validiert. Was heute bekannt sei, ist, daß wie bei Kindern mit Skoliose die primären Ergebnisse der Orthesen-Therapie bei jungen Kindern mit Morbus Scheuermann nicht bestehen bleiben, die Kyphose also zunimmt.
Und was ist mit Operationen? Hopf: "Was die Indikation zur Operation betrifft, da gibt es wirre Empfehlungen. Das geht von 50 Grad aufwärts bis hin zu über 80 Grad." Hopf selbst hält einen Kyphose-Winkel von 65 bis 70 Grad für eine Indikation zur Operation. Allerdings, so Hopf, müßten wir uns fragen, ob wir bei diesen Patienten nicht manchmal einen "therapeutischen Overkill betreiben". Denn die Prognose nicht-operierter Patienten sei, was ihre berufliche Entwicklung etwa angehe, nicht schlecht.
Rudern für Kyphose-Patienten ungeeignet
Können die Patienten Sport treiben? Die Patienten können Sport treiben, sollten das auch, eine Befreiung vom Schulsport sei in der Regel nicht indiziert.
Ein Grund für eine Einschränkung könnte eine verminderte kardiopulmonale Leistungsfähigkeit bei ausgeprägter Kyphose sein, sagte der Wirbelsäulenchirurg. Darüber hinaus sollten die Patienten keine Sportarten betreiben, bei denen die Wirbelsäule gestaucht wird.
Auch Rudern und Kanu-Fahren seien keine geeigneten Sportarten für Patienten mit juveniler Kyphose, da sie die Kyphose verstärken. Auch bei einer zweiten Wirbelsäulen-Deformität, der Skoliose, besteht übrigens kein Grund, die Patienten vom Schulsport zu befreien. Sport, so Prof. Dr. Claus Carstens von der Heidelberger Universitätsklinik, sei grundsätzlich zu empfehlen. Carstens: "Teilnahme am Sportunterricht ersetzt eine Einheit Krankengymnastik. Beim Sport sollte kein Korsett getragen werden."
Nicht so eindeutig wie die Frage nach der Sportfähigkeit können die Orthopäden offensichtlich eine häufig und gerade von Eltern gestellte Frage beantworten, nämlich die, ob die Haltung eines Kindes für die Pathogenese des Morbus Scheuermann irgendeine Bedeutung hat. Angeregt hatte eine Diskussion darüber der Kinderorthopäde Prof. Dr. Fritz Hefti aus Basel.
Hefti: "Der typische Patient mit einem Morbus Scheuermann kommt mit seiner Mutter in die Sprechstunde des Arztes. Während der Sprechstunde sagt die Mutter mindestens zehnmal zu ihrem Sohn, er solle sich gerade hinsetzen. Hat die Haltung des Jugendlichen ätiologisch eine Bedeutung?" Bei den Skoliosen sei es, so der Kinderorthopäde, klar, "daß die Haltung keine Rolle spielt. Aber bei den Kyphosen bin ich mir nicht so sicher."
Dauer der Fehlhaltung ist entscheidend
Hopf dagegen hält die Bedeutung der Körperhaltung für überschätzt: "Ich fürchte, daß der Standardhaltung eines Jugendlichen zu viel Bedeutung beigemessen wird." Nach Ansicht des Aachener Prof. Dr. Fritz Uwe Niethard "spielen mechanische Faktoren bei der Entstehung von Wirbelsäulen-Deformitäten sicher eine große Rolle".
Aber entscheidend sei die mechanische Belastung über die Zeit. Niet-hard: "Haltungen gibt es mehrere hunderte. Wenn einer mal krumm da steht, bedeutet das ja nicht, daß er den ganzen Tag so krumm steht. Wenn er aber immer so steht oder sitzt, dann wächst er krumm. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel."
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